Mobilfunk: Digitale Kluft zwischen Stadt und Land

Anfang 2017 möchten Vodafone und Telekom im Mobilfunk bis zu 1 Gbit/s bieten. LTE Advanced Pro (4.5G) wird es in den Großstädten geben. Während man in den Städten die Geschwindigkeiten weiter erhöht, bleibt es auf dem Land beim Status Quo. Hier sind nur bis zu 50 Mbit/s möglich. Die digitale Kluft zwischen Stadt und Land nimmt zu.

Im nächsten Jahr möchten die Netzbetreiber im Mobilfunk in Deutschland das Gigabit-Zeitalter einläuten. Besonders bei Vodafone wirbt man aktiv für eine schnelle mobile Zukunft. Doch auch bei der Deutschen Telekom hat man Pläne bereits Anfang 2017 seinen Kunden bis zu 1 Gbit/s zu bieten. Erste passende Endgeräte für die mobile Highspeed-Technologie dürften auf dem Mobile World Congress Anfang 2017 in Barcelona vorgestellt werden. LTE Advanced Pro (4.5G) wird es zuerst in ausgewählten Großstädten geben. Die Netzbetreiber erhöhen im Mobilfunk (man denke nur an LTE-A) seit einiger Zeit die Geschwindigkeit in den lukrativen Städten, während in den ländlichen Regionen alles beim Status Quo bleibt. Auf dem Land sind weiterhin nur bis zu 50 Mbit/s möglich.

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Vodafone wirbt bereits für das Gigabit-Zeitalter (Bildquelle: Vodafone)

Das die deutschen Netzbetreiber das Land nicht aus freien Stücken mit LTE Advanced ausbauen, wird vielen Menschen einleuchten. Im Jahr 2016 dürfte auch noch kein Bedarf für LTE-A in den ländlichen Regionen bestehen. Doch was ist in Zukunft? In der Vergangenheit hat der Bundestag über die Frage von LTE Advanced auf dem Land beraten. Man war sich einig, dass auch die Menschen in den ländlichen Regionen in Zukunft vom schnellen Mobilfunk profitieren sollen. Doch in neuen Gesetzentwürfen ist nichts mehr davon zu lesen.

LTE Advanced auch für ländliche Regionen?

Es liegt mittlerweile mehr als zwei Jahre zurück, als man im Bundestag im Juli 2014 den Antrag „Moderne Netze für ein modernes Land – Schnelles Internet für alle“ verabschiedete. Das Ziel des Antrags war es, bei der Internetversorgung für gleichwertige Bedingungen in Stadt und Land zu sorgen. Dabei sollte LTE-A eine zentrale Rolle spielen, wie es im Dokument des Bundestages hieß: „Mobilfunk kann den weiteren Festnetzausbau nicht ersetzen. Allerdings bietet insbesondere der weiterentwickelte Mobilfunkstandard LTE Advanced die Möglichkeit, unterversorgte Gebiete kostengünstiger und vor allem schneller mit höheren Geschwindigkeiten zu versorgen als dies durch Kabel-, Glasfaser- oder DSL-Anbindung möglich ist, […]. Kurzfristig wird mobiles Breitband eine entscheidende Rolle dabei spielen, auch die Bürger in ländlichen Regionen mit leistungsfähigen Internetzugängen zu versorgen und damit gleichwertige Lebensbedingungen und gesellschaftliche Teilhabe sicherzustellen.“ (Quelle: Deutscher Bundestag, Drucksache 18/1973)

Eine zentrale Rolle bei der Versorgung mit schnellem Mobilfunk auf dem Land sollten auch die LTE-Frequenzen mit 700-MHz spielen. Es wurde eine baldige Versteigerung der Frequenzen der Digitalen Dividende II angestrebt, was im Mai 2015 dann recht zügig geschah. Auch im Kursbuch Netzausbau, was von Bundesminister Dobrindt im Oktober 2014 medienwirksam vorgestellt wurde, war die Rede von „gleichwertigen Lebensverhältnissen in allen Teilen des Landes.“ Auch spielt LTE-A als mobile Technologie auf dem Land eine wichtige Rolle, wie es im Strategiepapier hieß: „Für abgelegene Haushalte bietet LTE-Advanced unter Nutzung der 700 und 800 MHz Frequenz-Ressourcen kostengünstig die Möglichkeit, NGA-Bitraten zur Verfügung zu stellen.“  (Quelle: Kursbuch Netzausbau 2014, heute nicht mehr online)

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Hinter dem Begriff NGA-Bitraten versteckt sich das Wort Next Generation Access. Also Internetzugänge der nächsten Generation für die ländlichen Regionen, wenn dies mal nicht hoffen lässt. Hoffnung setzte man dazu auf die Versorgungsverpflichtungen der Netzbetreiber, welche an die Versteigerung und Nutzung der attraktiven Frequenzen im Mobilfunk mit 700-MHz (Digitale Dividende II) gebunden waren.

Die Versorgungsverpflichtungen der Netzbetreiber

Im ersten Entwurf der Bundesnetzagentur sollten sich die Netzbetreiber für einen Ausbau der ländlichen Regionen mit 700-MHz verpflichten. Dazu wollte man 98 Prozent der deutschen Haushalte bundesweit eine Übertragungsrate von mindestens 10 Mbit/s zusichern. Gesetzentwürfe bleiben im Regelfall nie so wie sie sind. Im abschließenden Entwurf heißt es: „Der Zuteilungsinhaber muss eine flächendeckende Breitbandversorgung der Bevölkerung mit mobilfunkgestützten Übertragungstechnologien sicherstellen, die eine Übertragungsrate von mindestens 50 Mbit/s (Megabit pro Sekunde) pro Antennensektor im Downlink erreichen.“ (Quelle: Bundesnetzagentur)

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Die Bundesnetzagentur hat die Versorgungsverpflichtungen erarbeitet (Bildquelle: Bundesnetzagentur)

Hier ist weder von einem Einsatz von 700-MHz noch einer zugesicherten Übertragungsrate von 10 Mbit/s die Rede, wie es noch in der ersten Fassung hieß. Vielmehr hörte die Bundesnetzagentur auf die Kritiker, schließlich könne man mit Mobilfunk als Shared Medium keine Geschwindigkeiten garantieren. Jedoch geht man davon aus, dass 98 Prozent der deutschen Haushalte nach der Erfüllung der Verpflichtungen im Regelfall 10 Mbit/s erreichen, wenn es hierfür auch keine Garantie gibt. Betrachtet man die Versorgungsverpflichtungen der Bundesnetzagentur, bleibt wenig von Dobrindts Versprechen übrig „für gleichwertige Lebensverhältnissen in allen Teilen des Landes“ zu sorgen. Doch der Bundesminister war zuletzt nicht untätig. Vielleicht hofft nun jemand auf das „Gesetz zur Erleichterung des Ausbaus digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze (DigiNetzG)“ vom Juli 2016. Hier steht immerhin Glasfaser statt schnöder Mobilfunk im Mittelpunkt.

Auch dieses Gesetz wird aus Deutschland kein Paradies für Mobilfunk und Breitband machen. Am Ende verhält es sich eher so, wie es Netzpoltik.org treffend in einem Kommentar zum neusten Gesetz geschrieben hat: „Deutschland hinkt beim Breitband- und insbesondere Glasfaserausbau im europaweiten Vergleich deutlich hinterher. Das weiß auch die Bundesregierung, deren Mitglieder in unregelmäßigen Abständen jeweils neue und mit anderen Ressorts nicht abgestimmte „Digitalstrategien“ vorstellen, die die unterentwickelte digitale Infrastruktur Deutschlands endlich auf ein angemessenes Niveau bringen sollen.“  (Quelle: Netzpolitik.org) Beim Erarbeiten von Strategien und Konzepten zum Breitbandausbau ist man in Deutschland weltspitze. Doch Strategiepapiere allein bauen noch keine Netze, weder im Mobilfunk noch im Festnetz.

Fazit 4G.de

Am Ende bleibt nur ein bitteres Fazit: Ab 2017 wird die digitale Kluft zwischen Stadt und Land im Mobilfunk wieder ein stückweit größer. Man könnte nun argumentieren, dass bis zu 50 Mbit/s heute für die meisten Nutzer ausreichendend seinen. Doch es geht auch um die Frage der digitalen Zukunft. Wenn die Netzbetreiber heute mit dem Gigabit-Zeitalter und deren Online Anwendungen werben, dürften diese Anwendungen (z.B. vernetze Häuser) auch für die Menschen auf dem Land attraktiv sein. Niemand verlangt Gigabit-Geschwindigkeiten in den ländlichen Regionen, doch eine Perspektive auf höhere Übertragungsraten über LTE Cat-3 (bis zu 50 Mbit/s) in Zukunft sollte es schon geben. Ebenso stellt sich die Frage, weshalb die Politik das Thema LTE-A auf dem Land nicht wie noch 2014 weiter verfolgt.

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Marius Pieruschka
Als ausgewiesener LTE-Fachmann auf 4G.de aktiv.
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Showing 2 comments
  • Jo Wichmann
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    Solange die „etablierten Netzbetreiber“ nicht gesetzlich gezwungen werden, die Voraussetzungen für die Gleichbehandlungen( Grundgesetz) von Stadt und Land im Bereich Internet-Versorgung zu schaffen, solange wird sich die Kluft zwischen Stadt und Land in diesem Sektor noch vertiefen. Eigenartiger Weise stimmen die Politiker in das Jammern über das Ausbluten wirtschaftsschwächerer Regionen lautstark ein. Allerdings kapieren sie offenbar nicht , dass mit dem Fehlen digitaler Infrastruktur Unternehmen weder die Lust, noch die Möglichkeit haben, sich in solchen Regionen niederzulassen. Was einst ein Bahn-Anchluss für wirtschaftliche Entwicklung bedeutete, ist heute eine Versorgung mit schnellem Internet. Dass die Netzbetreiber dort ausbauen, wo viele Menschen wohnen also da ,wo Ihr Geschäft brummt, kann man denen beim Freibrief durch die Politik nicht vorwerfen. So einfach – so schlimm!

  • Horst Bergheim
    Antworten

    Ich wohne in einem Gebiet, in dem im Umkreis von 4,5 km 5 Sendemasten stehen. Ich habe einen Vertrag mit 50 Mbit, bekomme aber z.Zt. nur 20 im Download. Endlose Telefonate mit Telekom haben nichts gebracht. Erst sollte ich eine 1800 Mhz Antenne kaufen, habe ich gemacht, keine Verbesserung, dann auf anderen Sender drehen, nicht verbessert, dann neuer Mast in 1,3 km mit 800 Mhz. Antenne gekauft, Empfang noch schlechter. Anruf wieder bei Telekom, Antwort : der Sender liegt zu nah und strahlt über sie hinweg. Nun habe ich schon wieder 92 Euro für die 800 Mhz Antenne ausgegeben und keine Verbesserung. Man riet mir dann, eine mail an den Vorstand zu schreiben, was ich tat. Antwort nahm keine Stellung zu den Problemen, aber eine Telefon-Nr des Vorstands. Die soll ich anrufen und würde innerhalb 48 Stunden ein Gespräch bekommen. Das ist jetzt fast eine Woche her und es hat sich nichts getan. Scheiß Telekom.

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